Wenn der Rückenschmerz das Leben bestimmt

Von chronischen Schmerzen ist dann die Rede, wenn man den Schmerz länger als drei Monate verspürt. Sanfter Sport und moderne Bewegungs- und Verhaltenstherapien schaffen Abhilfe.

Jeder fünfte Europäer leidet an chronischen Schmerzen, zwei Drittel davon plagt der Rücken. Zwar besitzt der akute Schmerz eine lebenswichtige Schutz- und Warnfunktion. Doch was, wenn der Schmerz andauert? Über chronische Schmerzen spricht man, wenn man den Schmerz länger als 3 Monate verspürt. Sanfte Sportarten und moderne Therapieformen schaffen Abhilfe.

Unser Rücken

Die Wirbelsäule ist sozusagen das „Kerngerüst“ unseres Rückens. Bestehend aus 24 beweglichen Wirbeln, zwischen denen 23 Bandscheiben gelagert sind, ist es höchst flexibel und hält so einiges aus. Unser Rücken muss großen Belastungen standhalten: Laufen, Springen, Anheben und auch Sitzen üben einen enormen Druck aus. Allein beim Sitzen erzeugt das Gewicht unseres Oberkörpers in den unteren Bandscheiben doppelt so viel Druck wie in einem Autoreifen. Ist die Muskulatur nicht gestärkt und bewegt man sich wenig, so können Rückenschmerzen die Folge sein. Der Mensch ist von Natur aus nicht dafür geschaffen stillzusitzen. Bewegungslosigkeit ist das Problem der modernen Gesellschaft und Rückenschmerzen bilden das mit Abstand häufigste Krankheitsbild innerhalb der chronischen Schmerzen.

Wenn der Schmerz „festsitzt“

1,8 Millionen Österreicher sind von chronischen Schmerzen betroffen. An erster Stelle stehen dabei Rückenleiden, gefolgt von Kopf- und Nackenschmerzen. Laut Statistik vergehen oft 3 bis 4 Wochen bis der Patient zum Arzt geht. Dabei ist gerade eine frühzeitige Diagnose für die zielgerichtete Therapie wichtig. Halten die Rückenschmerzen länger als sechs Wochen an, wird zumeist mit einer Bewegungstherapie begonnen. Mithilfe einer funktionellen Bewegungsanalyse werden zu Beginn Haltung und Zusammenspiel der Muskeln des Patienten untersucht. Auf dieser Grundlage wird dann ein persönlicher Therapieplan erstellt.

In den letzten 20 Jahren hat sich gezeigt, dass die physikalischen Therapien allein nicht immer reichen um Schmerzzustände ausreichend zu behandeln. Lange Zeit waren „Antirheumatika“ das Mittel der Wahl, um akute aber auch chronische Schmerzen zu beherrschen. In den letzten Jahrzehnten haben das Wissen und die Erkenntnisse über Ursachen, Ausmaß und vor allem Beeinflussbarkeit von chronischen Schmerzen zugenommen. So wissen wir heute, dass chronischer Schmerz nicht immer organisch bedingt sein muss, sondern auch durch Störung der Nervenfunktion ausgelöst werden kann. Chronischer Schmerz kann langfristig zu Angst, Hilflosigkeit, Isolation aber auch Leistungseinschränkungen, Schlafstörungen bis hin zur Depression führen. Diese Begleiterkrankungen können durch psychologische Betreuung sowie medikamentöse Begleit-Therapie positiv beeinflusst werden.

Studien haben gezeigt, dass hier auch Ansätze aus der Verhaltenstherapie helfen können, besser mit dem Schmerz umzugehen und den Alltag zu bewältigen. Das Therapieziel bei chronischem Schmerz stellt häufig nicht mehr die Schmerzfreiheit, sondern eine Schmerzlinderung, ein adäquater Umgang mit dem Schmerz sowie eine Steigerung der Lebensqualität dar. Das wichtige Ziel ist es bei allen Methoden, das Vertrauen in den Körper zurückzugewinnen und die Angst vor Bewegung und Belastung zu verlieren.

Nur kein Stillstand

Wie kann man vorbeugen? Fast alles was den Körper aktiviert, ist auch für den Rücken gut: Gymnastik, Schwimmen, Radfahren, Nordic Walking oder auch Klettern. Klettern beispielsweise stärkt die Muskeln, den Gleichgewichtssinn und die Koordination und fördert die Körperwahrnehmung, Kreativität und das Selbstbewusstsein. Zudem beugt es Haltungsschäden und Muskelverspannungen vor. Bouldern, das durch dicke Matten abgesicherte Klettern ohne Seil in geringen Höhen, bei dem sich unterschiedlich schwierige Routen „erklettern“ lassen, findet vor allem bei der älteren Generation Gefallen. Studien belegen, dass ältere Menschen ihre Mobilität stärker durch Training an der Kletterwand verbessern können als mit herkömmlichen Methoden. Therapeuten setzen dieses Bewegungstraining daher gerne bei Problemen mit dem Stütz- und Bewegungsapparat ein.

Weitere Bewegungsmethoden stehen zur Auswahl – von Physiotherapie über Aquagymnastik und Elektrotherapie bis hin zur Muskelstärkung mittels spezieller Trainingsgeräte. Eine relativ neue und von vielen Geplagten bevorzugte Therapieform stellt Rücken-Yoga dar: eine sanfte Form von Yoga, bei der darauf abgezielt wird, die Muskeln zu stärken und die Lendenwirbelsäule nach vorne zu beugen. Eine andere Methode, Rückenmuskulatur und Wohlbefinden zu steigern, ist Laufen. Dabei nämlich werden auch Glückshormone (Endorphine) freigesetzt – und diese wirken schmerzhemmend, angstlösend und heben die Stimmung.